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Frau, Mami, Managerin: Wie Schweizer Medien Managerinnen darstellen – und wie nicht

November 2022: Die Sozialdemokratische Partei sucht die Bundesrats-Nachfolge. Eine grosse Schweizer Tageszeitung schreibt über die Kandidatur von Evi Allemann: „Die 44-Jährige ist Mutter zweier Kinder im Alter von 12 und 7 Jahren. Seit 2018 sitzt sie in der Berner Kantonsregierung und verfügt somit bereits über einschlägige Erfahrung in der Kombination von Familie und Exekutive. Nun ist sie offenbar entschlossen, auch noch die Familienverträglichkeit eines Bundesratsamts zu testen.“

Wäre der Artikel auch so geschrieben worden, wenn Evi Allemann ein Mann wäre, fragt man sich beim Lesen dieser Zeilen. Es scheint, als wäre die Rolle der Frau in erster Linie als Familienzuständige immer noch in vielen Schweizer Köpfen verankert – auch bei Journalist:innen. Ist das mit ein Grund, weshalb die Familienverträglichkeit so häufig bei weiblichen Führungskräften thematisiert wird?

Blickt man auf die Daten, lässt sich die Antwort vermuten: Frauen sind auf dem Schweizer Arbeitsmarkt immer noch unterrepräsentiert. In den obersten Etagen fällt ihre Abwesenheit besonders auf: Im Jahr 2021 hatten 261 Frauen einen Sitz im Verwaltungsrat. Bei den Männern waren es 1081.* Die Situation in der Schweizer Wirtschaft spiegelt sich wie im oben erwähnten Beispiel auch in der Medienberichterstattung wider. Das Problem ist aber nicht nur die Art der Berichterstattung, sondern auch die Häufigkeit: Laut einer Studie der Universität Zürich ist nur jede vierte Person, über die in Schweizer Medien berichtet wird, überhaupt eine Frau. Gleichzeitig würden Frauen seltener im öffentlichen oder beruflichen Kontext dargestellt.**

FGS Global hat bereits zwei Veröffentlichungen*** zur Berichterstattung über Frauen in Führungspositionen in Deutschland publiziert. Diese Publikation legt nun den Fokus auf die Schweiz: Wir haben mit fünf Schweizer Top-Managerinnen darüber gesprochen, wie sie die Berichterstattung zu Frauen in Führungspositionen wahrnehmen, welche persönliche Erfahrungen sie gemacht haben und welche Veränderungen sie sich wünschen.


Lesen Sie hier die ausführlichen Interviews


Wozu Managerinnen in der Schweiz von Medien befragt werden: “Würden Sie das auch einen Mann fragen?“

Wenn die Schweizer Länderchefin von BlackRock Mirjam Staub-Bisang von Journalist:innen nach ihrer privaten Situation befragt wird, entgegnet diese immer wieder mal gerne: „Würden Sie das auch einen Mann fragen?“ Denn häufig beziehen sich Fragen an Managerinnen auf die Vereinbarkeit von Job und Familie. Diese Andersbehandlung wird auch von Clara-Ann Gordon, Equity Partnerin bei Niederer Kraft Frey, einer der grössten Wirtschaftskanzleien der Schweiz, kritisiert. Laut Gordon würde man niemals über einen Mann lesen, wie er denn das mit der Kinderbetreuung hinbekommen würde. Somit „verfestigen und unterstützen“ die Medien „die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschlechter auch in der Gesellschaft.“ Sie meint, dass Journalist:innen die gleichen Vorurteile wie die Schweizer Allgemeinheit haben. Trotzdem haben sie „eben auch die Aufgabe, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und die Aufmerksamkeit mal auf eine andere Seite dieser Geschichten zu richten.“ Diese Aufgabe sieht auch Annabella Bassler, die als CFO von Ringier im Jahr 2019 die EqualVoice-Initiative**** startete und feststellt: „Vor einigen Jahren kamen nur sehr wenige Frauen in den Medien vor. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich die Fragen geändert haben, welche man Personen in Führungspositionen stellt.“ Allgemein scheinen sich die Fragen zum Privatleben in Grenzen zu halten. So berichtet Gordon, dass in den meisten Fällen ihre Expertise als Cyber-Rechts-Expertin gefragt ist, wenn sie von Journalist:innen kontaktiert wird.

Inwiefern sich Managerinnen in der Schweiz selbst medial positionieren: “Ich will in erster Linie für mein Wissen und meine Kompetenz stehen.“

Managerinnen wollen ihre Rolle als Expertin auch medial einnehmen. “Ich will in erster Linie für mein Wissen und meine Kompetenz stehen“, so Staub-Bisang. „Ich positioniere mich ganz bewusst nicht als Frau“, sagt zudem Valerie Diele-Braun, CEO der CABB Group. Sie definiere sich über ihre Leistung und nicht über ihr Geschlecht, da man sonst schnell in die „Quotenschiene“ rutsche. Die Managerinnen wollen so eine Vorbildfunktion einnehmen. Maya Bundt, Verwaltungsrätin und zuletzt Leiterin Cyber- und Digitallösungen bei Swiss Re, findet es wichtig, dass „Frauen ihre Geschichten erzählen, denn es gibt zu wenige weibliche Vorbilder, die Führungsposition und Familie unter einen Hut bringen und öffentlich darüber sprechen“. Diele-Braun ergänzt, dass Top-Managerinnen zeigen sollen, dass sie erfolgreich sind, „um den Weg für andere Frauen zu ebnen.“

Wie Schweizer Managerinnen die Berichterstattung im Vergleich zu anderen Ländern wahrnehmen: “Das war ich aus meiner Zeit in den USA nicht gewöhnt.“

Die Präsenz von weiblichen Vorbildern in Schweizer Medien kommt immer noch deutlich zu kurz, wenn man auf die Zahlen der Uni Zürich blickt. Doch ist die fehlende weibliche Präsenz ausschliesslich ein Schweizer Problem? „In der Schweiz ist es noch etwas Besonderes, wenn es eine Frau in eine hohe Position schafft,“ sagt Bundt. Diele-Braun berichtet von positiveren Erfahrungen im Ausland. Auf Veranstaltungen hierzulande fand sie nur eine Handvoll weiblicher Teilnehmerinnen vor – bei mehreren hundert insgesamt. „Das war ich aus meiner Zeit aus den USA nicht gewohnt.“ Dort habe sie mit Personen aller Geschlechter gleichermassen zusammengearbeitet. In Bezug auf die Medienpräsenz von Frauen fügt sie an, dass es im Markt viele Managerinnen gäbe, von denen man noch nie etwas gehört habe: „Die Schweiz strengt sich nicht besonders an, ihre guten Frauen zu vermarkten.“ Bassler sieht hingegen Fortschritte und ist überzeugt, dass die Berichterstattung in den vergangenen Jahren bunter geworden ist. Laut ihr werden „unterschiedlichere Charakter abgebildet, Meinungen hinterfragt und die Diversität der Schweizer Bevölkerung auch in den Medien abgebildet.“

Ein Blick nach Deutschland zeigt ein insgesamt ähnliches Bild. FGS Global analysierte in einer Publikation aus dem Jahr 2021 rund 600 Interviews mit Führungskräften im deutschen Markt. Von diesen Interviews wurden nur 13% mit weiblichen Führungskräften geführt. Zudem wurde festgestellt, dass Frauen sechsmal öfter in ihrer Rolle als Privatperson dargestellt wurden als Männer.*****

Was sich Managerinnen von der Berichterstattung in der Schweiz wünschen: „Ich würde gerne mehr Präsenz von unterschiedlichen Frauen sehen.“

In den Gesprächen wurden vier konkrete Wünsche an die Medienwelt deutlich:

  • Mehr Sichtbarkeit – Die Gesprächspartnerinnen wünschen sich, dass Redaktionen die Managerinnen in der Schweiz sichtbarer machen. Als positives Beispiel in diese Richtung wird hier die Initiative EqualVoice von Ringier gesehen.

  • Mehr Vielfalt – Diversität in allen Facetten ist den interviewten Frauen ein wichtiges Anliegen, das die Schweizer Medien in der Berichterstattung berücksichtigen sollten. Dabei kommt es nicht nur auf das Frausein an, sondern beispielsweise auch auf verschiedene Altersgruppen oder Kulturkreise.

  • Mehr Ausgewogenheit – Das Interesse von Redaktionen an Themen wie Kinderbetreuung können die Interviewten nachvollziehen. Wichtig ist ihnen jedoch, dass solche privaten Fragen einerseits nicht den Grossteil des Gesprächs einnehmen und andererseits auch männlichen Führungskräften gestellt werden.

  • Mehr Fokus – Journalist:innen sollten in Interviews noch mehr nach den strukturellen Gründen fragen, warum es wenige Frauen in Führungspositionen in der Schweiz gibt. So würden Missstände sichtbar gemacht werden.


Was können Managerinnen tun?

  • Nicht verstecken, auch als einzige Frau nicht: Das Interesse an Frauen in Führungspositionen ist ein guter Aufhänger, um auch anderen Themen Visibilität zu geben. Wichtig: Schweigen mindert nicht das Risiko, medial falsch verstanden zu werden. Stattdessen wird die Deutungshoheit aus der Hand gegeben.

  • Chancen sehen: Das Interesse an der eigenen Person kann auch eine Chance sein. So dürfen eigene Themen aktiv angesprochen werden. Sicherheit gibt eine gute Vorbereitung.

  • Mutig sein, und nicht zu bescheiden: Eigene Erfolge bieten oftmals eine Grundlage für ein inspirierendes Gespräch. Dennoch muss das natürlich gut überlegt sein: Was einmal gesagt ist, lässt sich nicht wieder zurücknehmen.

  • Erklären: Ziel- und Rollenkonflikte – wie die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – können offen benannt und hinterfragt werden. Es gibt bei diesem Thema keinen Grund für eine Position der Defensive.

  • Vorbild sein: Weibliche Führungskräfte in der Schweiz sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Wenn sie medial in Erscheinung treten, wird sichtbar, was möglich ist – und welche Herausforderungen damit einhergehen.

* GetDiversity: Diversity Report Schweiz
** Fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft/ Universität Zürich: Darstellung von Frauen in der Berichterstattung Schweizer Medien
*** FGS Global: Von Star-Gründerinnen und Quotenfrauen und Die Ausnahme, die Rabenmutter, die Kämpferin – Unbewusste Bias in der medialen Darstellung von Top-Managerinnen
**** Die EqualVoice-Initiative von Ringier hat unter anderem ein Tool entwickelt, mit dem Medienhäuser in ihren journalistischen Beiträgen messen können, welchen Anteil weibliche Führungskräfte in ihrer Berichterstattung gegenüber den männlichen Pendants einnehmen.
***** FGS Global: Von Star-Gründerinnen und Quotenfrauen